Ein Herz und eine Seele – dank der Überkreuz-Nieren-Lebendspende

Fred Lambinon hat seiner Frau Ineke eine Niere gespendet. Da dies auf direktem Weg aus medizinischen Gründen ausgeschlossen war, fand die Spende mit einem anderen Paar übers Kreuz statt. Eine Win-win-Situation nicht nur für das Ehepaar, sondern für alle, die einem nahen Menschen eine Niere spenden möchten, aber inkompatibel sind: Das Überkreuz-Nieren-Lebendspende-Programm erhöht die Chance für nierenkranke Patientinnen und Patienten, möglichst bald ein passendes Organ zu erhalten.

Warten passt ganz und gar nicht zur quirligen Wilhelmina Lambinon-Stemkens, genannt Ineke. Ständig auf Achse, ohne Umwege direkt zum Ziel, das trifft die 60-jährige Niederländerin besser. Etwas unternehmen, ausgedehnte Reisen, Tisch­tennis und Klarinette spielen, Haus und Garten in Schuss halten und nebenbei 60 Prozent im Spital als biomedizinische Analytikerin arbeiten. Das gefällt ihr – und das kann sie heute wieder.

Warten auf eine Niere
Doch Ineke kennt das Warten. Mehrmals in ihrem Leben ist die Nierenkranke auf die Hämodialyse angewiesen. Dreimal die Woche lange drei bis vier Stunden stillhalten. Müdigkeit. Schmerzen. War­ten auf eine Spendeniere ... Mit 22 Jahren wird ihr Nierenleiden entdeckt, die Dialyse kann man die ersten 10 Jahre hinauszögern. Nach einem Jahr Dialyse spendet Inekes Mutter im März 1993 eine Niere. «Das klappte nicht», so das un­verblümte Fazit von Ineke, «zwei Stunden später hat mein Körper die Niere bereits abgestossen». Wieder Dialyse. Fünf Jahre später erhält sie eine Spendeniere von einer verstorbenen Person, die ihr 14 Jahre gute Dienste leistet. Erneute Dia­lyse. Selbst in den Ferien, sofern der Gesundheits­zustand diese überhaupt erlaubt. Das ganze «Pipapo» findet Ineke mühsam, «seb mueni scho sege», sagt sie in nahezu akzentfreiem Thurgau­er Dialekt. «Aber man hat keine Wahl – entweder Dialyse, Spendeniere oder sterben.»

Ineke Lambinon
«Aber man hat keine Wahl – entweder Dialyse, Spendeniere oder sterben.»

Gemeinsam durchs Leben segeln
Die Wahl hat sie 1982, als sie per Zufall zwei Schweizer Stelleninserate entdeckt: In Langenthal BE wird eine biomedizinische Analytikerin ge­sucht und im Spital Münsterlingen TG. Sie landet in der Ostschweiz und lernt beim neuen Arbeitgeber ihren zukünftigen Ehemann kennen, eben­falls ein Niederländer, obwohl das nicht das aus­schlaggebende Kriterium gewesen sei, sondern «dass der Typ ein Segelboot besass». Die beiden heiraten, haben einen Pflegesohn, lieben das Leben und leben mit der Nierenkrankheit.

Spendeniere dank Überkreuz-Programm
Als Fred vor ein paar Jahren vom Überkreuz-Nieren-Lebendspende-Programm hört, dreht sich ihr gemeinsames Leben um 180 Grad: «Ich konnte meiner Frau keine Niere spenden, es passte medizinisch nicht. Doch mit dem Programm haben sich neue Möglichkeiten eröffnet und für mich war sofort klar, dass ich das machen will», resümiert der heute 74-jährige pensionierte Anästhesiepflegefachmann. Denn auch für ihn habe die Nierenkrankheit seiner Frau grosse Einschränkungen mit sich gebracht. «Viele Frei­zeitaktivitäten waren nicht mehr möglich.» So kommt es, dass Fred eine Niere spendet und Ineke eine passende Niere erhält, einfach übers Kreuz mit einem anderen Paar.

Fred Lambinon
«Unsere Lebensqualität hat sich durch die Überkreuz-Nieren-Lebendspende unglaublich verbessert.»

Endlich wieder quer durch Kanada
Fred geht es gut, er braucht keine Medikamen­te, er hat keine Nachteile durch die Nierenspende. Für ihn bilden Ineke und er sowieso eine Einheit. «Ich profitiere ja ebenso, weil die Dialyse nicht mehr nötig ist. Wir geniessen unsere neuen Frei­heiten. Ich würde es jederzeit wieder tun», sagt der passionierte Hobbymodelleisenbähnler. «Unsere Lebensqualität hat sich durch die Über­kreuz-Nieren-Lebendspende unglaublich verbes­sert.» Das Warten hat ein Ende. Jetzt sehnt sich das Ehepaar nur noch, möglichst bald nach Corona wieder in ihre Lieblingsferiendestination Kanada zu reisen. Zu den Bären, Kojoten und Elchen.

Dr. med. Isabelle Binet
Leiterin Klinik für Nephrologie und Transplantationsmedizin, Kantonsspital St. Gallen, Mitglied Stiftungsrat Swisstransplant

«Im 2020 warteten in der Schweiz 1435 Personen auf eine Niere. Die durchschnittliche Wartezeit beträgt rund 3 Jahre, sie kann aber nach immunologischer Konstellation und Blutgruppe deutlich länger ausfallen. Letztes Jahr stammten etwa 25 % der Nierentransplantationen von Lebendspendern. Zudem besteht bei etwa 30 % der Lebendspende-Empfänger-Paaren eine immunologische Hürde. Wenn die direkt gerichtete Lebendspende wegen der Immunologie nicht passt, kann die Überkreuz-Nieren-Lebendspende die grosse Chance sein, eine passende Niere zu bekommen. Über dem ganzen Prozess steht die Freiwilligkeit der Spende an erster Stelle. Die Nierenentnahme findet im Transplantationszentrum statt, wo Spender und Empfänger betreut sind. Für die Transplantation reist die Niere ins «Über-Kreuz»-Empfängerzentrum. Das nationale Überkreuz-Nieren-Lebendspende-Programm ist im Oktober 2019 gestartet: Bis jetzt konnten 30 Paare teilnehmen und trotz Covid-19 fanden bereits 4 Transplantationen statt.»

Wolfgang Ender
Teamleiter Transplantationskoordination und Qualitätsbeauftragter Transplantationsmedizin, Kantonsspital St. Gallen

«Es gibt Paare, von denen eine Person auf eine Nierentransplantation wartet und die andere Person ihr eine Niere spenden möchte. Möglicherweise kann jedoch aufgrund einer ungünstigen immunologischen Situation die Niere nicht dem Kind, der Ehefrau, dem Onkel oder dem Freund gespendet werden. Da hilft uns das Überkreuz-Nieren-Lebendspende-Programm, die Hürden zu überwinden: Damit versuchen wir schweizweit bei Paaren mit ähnlichen immunologischen Barrieren doch eine Nierentransplantation zu ermöglichen. Die Suche nach passenden Überkreuz-Paaren ist wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Mit Hilfe von Berechnungen, die wir 3 bis 4 Mal pro Jahr durchführen, machen wir mögliche Überkreuz-Kombinationen sichtbar. Die gesetzliche Grundlage ist die Überkreuz-Lebendspende-Verordnung. Mögliche Lebendspenderinnen und Lebendspender haben zu jedem Zeitpunkt bis unmittelbar vor Operationsbeginn das Recht, Nein zu sagen und das Einverständnis zur Nierenspende zurückzuziehen.»