Brief vom 1. Dezember 2015

Fragmente aus Zwiegesprächen mit meinem/r Organ-Spender/In

Mein lieber Spender, meine liebe Spenderin

Was ich aus unseren unzähligen Zwiegesprächen nun endlich nach langem Überlegen öffentlich kundtue, ist dir natürlich schon lange bekannt. Denn vor allem bei meinen langen Trainingsläufen sind wir schon viel miteinander ins Plaudern gekommen. Angefangen hat unsere Beziehung bereits vor 24 Jahren, als du mir eine neue Leber geschenkt hast. Anfangs wollten wir nicht so recht zusammen passen. Du hast dich mit einer Abstossung etwas gesträubt, dich in meinem Körper wohl zu fühlen. So mussten die Ärzte uns beide nach der geglückten Transplantation mit hohen Dosen von Kortison und sogar OKT3 auf der Intensiv etwas „brachial“ zusammen schweissen. Ich habe dich natürlich mit grosser Hoffnung, Dankbarkeit und offenen Armen empfangen und mental alles gegeben – das kannst du mir glauben - dich nicht zu verlieren. Es war ein wunderbares Gefühl, zu spüren, wie deine von dir ausgehende und mir neu geschenkte Energie, Kraft und Lebensfreude in meinem Körper und meiner Seele aufstiegen. Aus meinem Gelb wurde Weiss! Es waren für mich anstrengende aber einmalige, unvergessliche Momente des Glücks und der Dankbarkeit, dich in meinem Inneren zu spüren und begrüssen zu dürfen.

Und nun sind wir bereits seit 24 Jahren ein unzertrennliches „Dream-Team“; „Du“ – deine Leber - und ich! Was wir doch schon alles zusammen durchleben durften. Einige Marathons sind wir zusammen gelaufen. Den Swiss Alpin, S 42 habe ich aus grosser Dankbarkeit nur dir gewidmet, und wir haben viel in den Trainings vor dem Lauf, während dem Lauf und nach dem Lauf miteinander geplaudert. Du gabst mir immer Kraft und Energie. Ursprünglich wollte ich dir eigentlich den Jungfrau Marathon, den ich mit unserer jüngeren Tochter gelaufen bin, schenken. Stell dir vor, damals als ich ohne dich gestorben wäre, war sie erst fünf. Nun ist sie 28 Jahre alt und ich bereits glücklicher Grossvater. Uns wurde dieses gemeinsame, selbsterarbeitete Glückserlebnis geschenkt. Vor Freude und Dankbarkeit sind uns beiden im Ziel die Tränen über die Wangen gerollt. Denn du und vielleicht auch deine Familie haben mit dem JA zur Organspende mir bis heute einen Erlebnisreichtum von 24 zusätzlichen Lebensjahren geschenkt. Wahrlich – das weisst du bereits schon lange - ein grösseres und wertvolleres Geschenk kann man einem MIT-Menschen nicht geben! Dank dir durfte ich erleben, wie sich unsere beiden Töchter, damals fünf und sieben, wunderbar zu reifen MIT-Menschen entwickelten. Und heute darf ich bereits als zweifacher, stolzer Grossvater ab und zu unsere Enkel verwöhnen. Du hast mir viele zusätzliche Berufsjahre geschenkt, denn ich hatte ja den schönsten Beruf der Welt. Ich durfte als „Personalheini“ Menschen zum Blühen bringen. Sozusagen als „HR-Gärtner“ wirken; die in jedem Menschen schlummernde „Margerita Potenzialis“ zu entdecken helfen, wecken und zum Blühen bringen. Dank dir konnte ich mit meiner Familie viele, zusätzliche Reisen, unzählige Velotouren, Bergtouren, ja sogar 4000-Tausender machen. Du siehst, unsere Beziehung er- und verträgt alle Lebens- und Höhenlagen – manchmal dicke und auch dünne Luft. Mit meiner Familie durfte ich viele zusätzliche Ostern, Weihnachten und dank dir jedes Jahr zwei Mal Geburtstag feiern. Du hast mir in all den geschenkten Jahren so viele zusätzliche wertvolle Erfahrungen, Erlebnisse, Freuden, auch lebenskompetenz und glücksstärkende Krisen ermöglicht. Mein gewobener Lebensteppich ist bunt und mit vielen Facetten und Kontrasten, die uns das Leben bereithält bestückt. Das ist mein innerer Reichtum, ein kostbarer Schatz, den ich, wenn ich einmal abtreten muss, mitnehmen darf. Und du? Was hast du eigentlich gemacht, als du vermutlich mitten aus dem Leben gerissen wurdest? Es war bestimmt für deine Familie ein grosser Schock, verbunden mit tiefen Schmerzen, Orientierungslosigkeit und grosser Trauer. Ich bin sicher, dass du mir das später alles einmal verraten wirst, denn unsere Seelen werden sich dann im Zeitlosen bestimmt begegnen.

Jetzt aber geniessen wir – deine Leber und ich - zusammen als dicke Freunde noch lange, so hoffe ich wenigstens, das Leben auf dieser Erde. Dass du dich nun in meinem Körper nach längerer Angewöhnungszeit – ja ich kann es nicht anders sagen – einfach sauwohl fühlst, hast du mir bewiesen, indem unsere Freundschaft keinen künstlichen Kitt in Form von Immunsuppression mehr braucht. Dies spürte ich bereits vor langer Zeit, dass wir ausgezeichnet zusammen passen, gemeinsam gewachsen sind, ab und zu auch Grenzen sprengen und du dich nun in meiner „Hülle“ heimisch fühlst. Das war wieder ein grosses, zusätzliches Vertrauens-Geschenk von dir, denn ich bin manchmal wirklich keine einfache Person, ab und zu etwas unvernünftig, flatterhaft und fordere dann meine MIT-Welt: „Eine Katze zum Führen“. Also kein andressiertes „Fuss bei“! Aber das weisst du ja schon lange. Danke für deine diesbezügliche Toleranz und Grosszügigkeit. Und es tönt verrückt, aber dank dir konnte ich so viele, zusätzliche, mir ansonsten verbaute Erfahrungen machen, auch bei mir noch vorhandene Empathie-Löcher stopfen, dass ich rückwirkend denke, trotz meiner genetisch bedingten Krankheit und den damit verbundenen grossen Lebenskrisen, Ängsten und dunklen Wolken an unserm Lebenshimmel, mir hätte im Leben nichts Besseres passieren können.

Du siehst, mein allerliebster Spender, ich habe manchmal bereits etwas unverschämte Ansprüche meiner geschenkten, zusätzlichen Lebenserwartung gegenüber. Trotzdem schaue ich immer wieder mit viel Demut auf dein grosses Lebensgeschenk zurück und hoffe einfach, dass meine Organe dann auch einmal in einem anderen Körper vor neu gewonnener Lebensfreude, Zuversicht und frischem Elan mit viel Begeisterung, Leidenschaft und grosser Dankbarkeit jubeln, tanzen, hüpfen, lachen, auch weinen, traurig sein und springen können. Auch wenn es keine Marathons sind. Denn unser Leben hält viele, neue, unentdeckte Landschaften, Herausforderungen und Abendteuer bereit.

Hab Dank!

Dein dankbarer Organempfänger