Brief vom 30. September 2015

Liebe Angehörige meines Herzspenders

Sie haben mit dem Tod meines Herzspenders einen lieben Menschen verloren. Obwohl mir Ihr Verstorbener ein Leben lang namentlich unbekannt bleiben wird, ist er mir, als sein Herzempfänger, nicht nur physisch sehr nahe, ich spüre seine Nähe auch auf eine geistige Art. Ich halte jeden Morgen vor dem Aufstehen kurz inne, begrüsse ihn und danke ihm, dass er mich wieder durch den Tag begleiten werde und ich sage ihm, wie unendlich dankbar ich bin, dass er (bzw. möglicherweise seine Angehörigen?) sich dafür entschieden hat (bzw. haben), sein Herz (mir!) zu spenden. Es mag Sie vielleicht ein wenig trösten, dass ein anderer Mensch, dank des implantierten Herzens, ein neues Leben und damit ein unendlich grosses Geschenk erhalten hat. Ich darf dieser glückliche Mensch sein! Sie werden verstehen, dass diese Fügung in meinem Leben mich mit grosser Freude und Dankbarkeit erfüllt. In nachstehendem Gedicht habe ich versucht, meine Empfindungen und Gedanken während meiner langen Herzkrankheit aufzuzeigen. Sie können versichert sein, dass ich mir stets bewusst sein werde, wem ich das "Happy End" meiner Herzgeschichte zu verdanken habe!

Episoden und Impressionen eines Herztransplantierten

Aufgeschrieben von
J.L.

Gewidmet allen Ärzten und Pflegenden, die mich in den 13 Jahren Herzkrankheit mit grossem beruflichen und persönlichem Engagement betreut haben,
sowie an meine Familie und alle, die mitgefühlt, mitgetragen und mich mit ihren guten Gedanken unterstützt haben.

„Zur Schule zurück?“- „Das aber ganz sicher nicht!“,
der Hausarzt besorgt sein Machtwort spricht,
und eh ich recht verstehe – für mich total fatal!
lieg’ ich als Notfall im Spital.

11.03.2002, Diagnose
„Herzinsuffizienz“ die Diagnose -
was nur ist das für eine „(S)Chose?!“
Niemand weiss weshalb?, woher?,
nur, dass das Leben jetzt wird schwer.

Zunächst ist alles nicht so schlimm,
doch im Verborgenen läuft schon ab der Film.
- Bei Tag und Nacht und falls grosser Kummer,
der Chefarzt gibt mir spontan seine private Handy-Nummer.

13.12.2010, erste Operation
Jetzt braucht das kranke Herz mehr Hilfe,
ein Herzschrittmacher wird mein Gehilfe,
der Defibrillator wird gleich dazu montiert,
zum Schutz vor Herzversagen implantiert.

Immer öfters verlass’ ich mein Zuhause,
das Spitalzimmer wird zu meiner Klause.
Inzwischen vom … ins Unispital verlegt,
wo man mich künftig hegt und pflegt.

27.06.2012, zweite Operation
Das Echolot bringt es ans Licht,
die Herzklappen sind nicht mehr dicht!
Der Herzchirurg ist bereits in der Spur,
sorgt schon bald für die Korrektur.
Zwei Mitraclips werden eingesetzt,
was offenbar das Interesse der Kardiologen weckt,
die OP ist live geschaltet zum Ärztekongress,
- der Patient schläft selig, ohne jeden Stress!

Nur kurz ist danach die Erholung,
doch leider ohne Schonung,
fährt die Herzmuskelleistung weiter runter
mein Befinden jetzt weit am Boden unten.

9.10. 2013, Listung
Da hilft kein zögern mehr und lamentieren,
mein Herz muss man transplantieren,
wie bin ich froh, bleib’ ich auf der Piste,
mit dem Eintrag in die Herzempfängerliste.

Ich bange, warte, schiebe auf,
nur noch kurz, dann geht mir aus der Schnauf!
Ich brauch’ ein Kunstherz zur Unterstützung als Brücke,
eine Herzpumpe für die Wartelücke.

16.06.2014, dritte Operation
Der Professor drängt und wird jetzt heftig,
reisst mich aus der Lethargie ganz schön kräftig,
„Die letzte Chance, jetzt die OP, Herr L.!“
ich füg’ mich dem Schicksal – (gopferdori!!)

Über Wochen lieg’ ich wie ein Brett,
in der Intensivstation im Krankenbett.
Die Erinnerung an diese Zeit ist heut’ verschwommen,
hab’ ich doch Vieles zum Glück gar nicht wahrgenommen.

Im Kopf aber wirre Träume toben,
so seh’ ich mein Begräbnis schon von oben,
aber auch, stilvoll mit der Kutsche,
wie ich zurück ins Leben rutsche!

Ich schaff’s aus der Hölle rauszukommen,
hab’ wieder Boden unter die Füsse bekommen,
begleitet nun stets von meiner Akku-Tasche,
(so wie der Alkoholiker mit seiner Flasche!)
Während fleissig ich zur Physio gehe,
nach Wochen wieder so was wie Muskeln sehe,
warte ich weiter - sehnlichst bange,
ein Jahr und ein halbes ist eben lange!

Dann aber um Mitternacht das lang ersehnte Telefon!
„Das Spenderherz ist da! - Ja, wir haben es schon!“
Auf nach Zürich, hinein in den Strudel,
laut und erwartungsfroh ist mein Gejubel!

09.04.2015 vierte (und letzte!) Operation
Der Anästhesist nimmt mich in Empfang,
sein Präparat hält sechseinhalb Stunden lang,
In dieser Zeit, vom Starchirurgen-Team operiert,
wird mir das Spenderherz transplantiert.

„Das Herz schlägt!“ ist die frohe Kunde,
die im Familienkreis bald schon macht die Runde,
eine Riesenfreude verbreitet sich bei allen,
Emotionen gehen hoch und Freudentränen fallen.

Der Körper schwach, noch schlaff die Beine,
aber auch dieses bringen wir noch ins Reine,
das Training beginnt schon bald,
im Faltigberg, der Reha-Klinik Wald.

06.06.2015 Rückkehr und „Happy End!“
Jetzt aber mach’ ich zu die „Kiste“,
fertig verpackt ist die Erfolgsgeschichte!
Zurück bleibt, hab’ nie geahnt, dass ich es werde,
der glücklichste Mensch auf dieser Erde!

7. Juni 2015

Mit grosser Dankbarkeit an meinen unbekannten
Herzspender und mit den herzlichsten Grüssen an
alle, Ihr und euer

J.L.