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Organspende in der Schweiz – explizite oder vermutete Zustimmung?

Die heutige Situation der Organ- und Gewebespende in der Schweiz ist in verschiedener Hinsicht nicht optimal. Einerseits ist die Anzahl effektiver Spenderinnen und Spender, die nach dem Tod ihre Organe für eine Transplantation zur Verfügung stellen, im internationalen Vergleich relativ gering. Gleichzeitig gibt es in der Schweiz immer mehr Menschen, die auf eine Transplantation angewiesen sind. Andererseits zeigen die praktischen Erfahrungen und Rückmeldungen aus den Spitälern, dass bei der geltenden expliziten Zustimmung in vielen Fällen keine dokumentierte Willensäusserung (Zustimmung oder Ablehnung) der verstorbenen Person vorliegt. Dies wiederum bedeutet, dass die Angehörigen über eine Spende entscheiden müssen. Eine solche Entscheidung zu fällen ist oft nicht einfach und deshalb für viele Angehörige belastend sowie mit Unsicherheit verbunden. Daher besteht das Risiko, dass die Entscheidung der Angehörigen, auch wenn sie nach bestem Wissen und Gewissen erfolgt, nicht dem Willen der verstorbenen Person entspricht. Tatsächlich wird bei dieser Konstellation in mehr als in der Hälfte der Fälle eine Organspende abgelehnt, obwohl gemäss grossangelegten Befragungen über 80 Prozent der Schweizer Bevölkerung die Organspende befürworten respektive unterstützen. Dies legt nahe, dass es in der Schweiz nicht zu wenige potentielle Organspender, sondern zu wenige effektive Spender gibt. Zurückzuführen ist dies hauptsächlich auf die im europäischen Vergleich sehr hohe Ablehnungsrate einer Spende durch die Angehörigen.

In diesem Positionspapier macht Swisstransplant einen Vorschlag, wie man die heutige Situation verbessern könnte und stellt ihn zur öffentlichen Debatte. Kernelement des Vorschlags ist eine erhöhte Sicherheit für Patientinnen und Patienten, dass ihrem Willen hinsichtlich der Organspende tatsächlich entsprochen wird. Dies baut auf der Voraussetzung, dass die Entscheidungsverantwortung in Bezug auf die Organspende bei den Patientinnen und Patienten liegt. Diesem Grundsatz könnte mit der erweiterten vermuteten Zustimmung in Kombination mit einem Register für Personen, die ihre Organe nicht spenden möchten, gefolgt werden. Für die in die Organspende involvierten Fachpersonen ist essentiell, dass der Wille der verstorbenen Person bestmöglich berücksichtigt wird. Dies ist nur möglich, wenn jeder Einzelne sich zu Lebzeiten entscheidet und, insbesondere wenn eine Organspende abgelehnt wird, dies auch verbindlich dokumentiert. Das gibt eine Sicherheit, welche die derzeit geltende explizite Zustimmung nicht bietet. Gegenwärtig muss in mehr als der Hälfte der Angehörigengespräche die Familie aktiv im Sinne der verstorbenen Person entscheiden. Dies bedeutet, dass letztendlich die Angehörigen die Verantwortung übernehmen müssen: Ein Ja zur Organspende wird zusätzlich erschwert, wenn zeitlebens nicht darüber diskutiert wurde und nichts Verbindliches vorliegt. Bei der erweiterten vermuteten Zustimmung findet in jedem Fall das Gespräch mit den Angehörigen statt, wenn sich die oder der Verstorbene nicht ins Register eingetragen hatte. Dabei geht es primär darum, die Angehörigen in dieser schwierigen Situation zu informieren, dass die verstorbene Person sich nicht ins Register derjenigen, die die Organspende ablehnen, eingetragen hatte. Im gemeinsamen Gespräch geht es dann darum zu erfahren, ob sich die oder der Verstorbene jemals gegen eine Organspende ausgesprochen hat, womit eine Organspende ebenfalls nicht in Betracht gezogen wird. Ist dies nicht der Fall, so dürfen die Angehörigen davon ausgehen, dass die oder der Verstorbene nicht gegen eine Organspende war. Dies ist eine wesentliche Entlastung: In erster Linie für die Angehörigen, aber auch für das Fachpersonal. Zudem ist davon auszugehen, dass die Diskrepanz verringert würde zwischen der mehrheitlich positiven Einstellung zur Organspende in der Bevölkerung und der Anzahl effektiver Spenderinnen und Spender. Ein Wechsel zur erweiterten vermuteten Zustimmung würde auch bedingen, dass die Informationskampagne angepasst wird und ganz klar darauf hinweist, dass ein Entscheid zeitlebens in einem Register verbindlich festgehalten werden kann.