«Ich wusste, dass ich nie mehr alleine sein werde»

Für die aktuelle Kampagne von Swisstransplant haben wir uns mit verschiedenen Betroffenen getroffen. Sie sind die Gesichter von «Ich lebe jetzt. Ich entscheide jetzt.» und sie lassen uns an ihrer Geschichte teilhaben. Eine dieser Lebensgeschichten ist die von Liz.

Liz erwachte mitten in der Nacht. Sie hatte so starke Bauchschmerzen, wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Sie konnte weder aufstehen noch gehen. Liz rief ihren Hausarzt an. Am nächsten Tag durchlief sie eine Ultraschall- und Computertomographieuntersuchung. Da ihre Schmerzen in Zwischenzeit wieder verschwunden waren, dachte sich Liz zunächst nichts dabei. Als sie aber das ernste Gesicht des Radiologen sah, wurde sie unsicher. Sie fragte ihn, ob es etwas Ernstes sein könnte. Er beantwortete die Frage mit Ja. Ob es lebensbedrohlich sein könnte? Er beantwortete die Frage erneut mit Ja.

In diesem Moment wünschte sich Liz nichts sehnlicher, als diese Frage wieder zurücknehmen zu können.

Liz grinst und winkt mir von weitem zu, als sie den Koffer und die Tasche mit möglichen Outfits für das Fotoshooting aus ihrem Auto hievt. «Hello Darling!», sie begrüsst mich mit drei Küsschen auf die Wangen. Liz und ich kennen uns seit rund einem Jahr; wir arbeiten beide bei Swisstransplant. Jedes Mal wenn ich Liz sehe, beginne ich unwillkürlich zu lächeln. Ihre Wärme, Herzlichkeit und scheinbar unendliche Energie sind ansteckend. Liz hat eine starke Präsenz: Von der aufrechten, starken Körperhaltung bis hin zu ihrer Fähigkeit in charmantem British English Geschichten so zu erzählen, dass alle an ihren Lippen hängen. Über ihre Transplantation spricht sie flüssig und gespickt mit vielen humorvollen Anekdoten.

9 Monate Warteliste

Mit 18 Jahren kam Liz von England für einen Skiurlaub in die Schweiz. In diesem Urlaub lernte sie René kennen und verliebte sich. Vier Jahre später heirateten die beiden, bekamen zwei Kinder, eröffneten gemeinsam einen Schneesportladen und kauften ein Chalet in einem kleinen Bergdorf im Wallis. Für Liz waren diese Jahre like a fairytale, wie ein Märchen.

Im Alter von 35 Jahren kam wie aus dem Nichts die Nachricht, dass Liz lebensbedrohlich erkrankt ist. Nach der erwähnten Computertomographieuntersuchung dauerte es einen Monat bis sie endlich Gewissheit hatte. Liz litt an einer sehr seltenen Form von Krebs, der ihre Leber befallen hatte. Die Empfehlungen des medizinischen Personals waren unterschiedlich, da man vor 25 Jahren noch so wenig über die besagte Krankheit wusste. Schlussendlich war aber klar, dass Liz eine neue Leber braucht. Sie kam auf die Warteliste für ein Spendeorgan.

Die Krebserkrankung blieb fast symptomfrei und so ging der Alltag wie gewohnt in hohem Tempo weiter. Sie arbeitete sieben Tage die Woche im Skiladen und betreute ihre zwei kleinen Kinder. Die psychische Belastung ihrer Diagnose wog jedoch schwer. Wenn sie am Abend im Bett lag, begannen die Gedankenkreise. Sie hatte Angst vor der Ungewissheit, Angst vor der Transplantation. Besonders fürchtete sie sich vor dem Tubus, dem Schlauch, den sie für die künstliche Beatmung während der Operation im Hals haben musste. «Ich fühlte mich nur sicher, wenn ich mein Gesicht in den Haaren meiner Kinder vergraben konnte», erzählt Liz rückblickend und fährt bei diesen Worten mit der Hand durch ihr langes Haar. Auf die bevorstehende Operation bereitete sie sich vor, wie auf einen Marathon. Sie machte täglich Sport und ernährte sich gesund. Körperlich fühlte sie sich so fit wie nie zuvor.

Liz
«Es ist sehr belastend auf der Warteliste zu sein und nicht zu wissen, wie die eigene Geschichte ausgeht. Ich hatte das Glück, dass der Anruf früh genug gekommen ist. Für viele ist das jedoch anders.»

Mut und eine Zahnbürste

Als der Anruf endlich kam, war Liz gerade mit einer Freundin unterwegs. Ihr Mann war sehr aufgebracht und teilte ihr am Telefon mit, dass sie sofort nach Hause kommen soll. Möglicherweise wird es ein Organ für sie geben, das Spital sei daran die Kompatibilität zu prüfen. Liz schaltete in diesem Moment auf Autopilot um. Eine seltsame Ruhe kehrte ein: «Ich beendete das Telefonat, ass eine weisse Magnum Glace und ging nach Hause.» Später am Abend erhielt sie nochmals einen Anruf ihres Spitals: Sie sollte am nächsten Morgen für die Operation eintreten. Das medizinische Personal hatte definitiv ein passendes Spendeorgan für Liz gefunden. Auf die Frage, was sie mitnehmen sollte, antwortete ihr Arzt: «Deinen Mut und eine Zahnbürste.» In dieser Nacht schlief Liz das erste Mal seit Monaten tief und fest.

Der Eintritt ins Spital am nächsten Morgen war eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Liz war erleichtert, als endlich die Narkose kam. «Für René, meinen Mann, war diese Zeit besonders schwierig. Ich glaube, es ist einfacher die kranke Person zu sein, als der Partner. Er konnte nichts machen. Nur warten. Und alle haben gefragt: Wie geht es deiner Frau? Niemand hat gefragt, wie es ihm geht.»

Liz war neun Monate auf der Warteliste für ein neues Organ, like a baby. Die Transplantation beschreibt Liz als Wiedergeburt.

Liz
«Ich wusste, dass ich nie mehr alleine sein werde. Durch die neue Leber begleitet mich meine Spenderin, mein Spender auf jedem Schritt. Und mit diesem geschenkten Leben will ich Gutes tun.»

Neue Grenzen

Nach der Transplantation ging es Liz zunächst seht gut, dann erlebte sie jedoch starke Abstossungserscheinungen des Spendeorgans. Einen Monat musste sie im Spital bleiben, dann stabilisierte sich ihr Zustand und sie durfte endlich nach Hause. Mit Stolz erzählt Liz, dass sie damals ganz ohne Hilfe ihre Sachen bis zum geparkten Auto vor dem Spital getragen hatte. Die ersten Tage nach dem Spital fühlten sich an, als wäre sie vom Zug überfahren worden. Bereits ein kurzer Spaziergang mit ihrem Hund war sehr herausfordernd, da sie durch die Operation und den Monat im Bett so viele Muskeln verloren hatte. Die neuen und ungewohnten körperlichen Grenzen waren für Liz schwer zu akzeptieren. Sie lotete sie bei jeder Gelegenheit wieder neu aus.

Zum Beispiel besuchte Liz nur einen Monat nach dem sie aus dem Spital entlassen wurde ein Festival in den Bergen. Sie bestand darauf hochzuwandern. Bereits für eine gesunde Person sei diese fünfstündige Wanderung anstrengend gewesen. Es erforderte all ihre Kraft dem Weg zu folgen, der sich den Berg hochschlängelte. Als Liz und ihre Freunde eine Anhöhe erreichten, blieb ihr der Atem weg.

«Auf dem Plateau standen hunderte von Menschen, die jubelten und klatschten. Es hatte sich unter den Festivalbesuchenden herumgesprochen, dass eine Frau den Berg hochwandert, die kürzlich eine Transplantation hinter sich gebracht hat und so haben sie mich in Empfang genommen.» Es scheint, als hätte Liz damals realisiert, dass sie einen sehr schweren Abschnitt ihres Lebens absolviert hatte und endlich ein bisschen loslassen konnte. Die symbolische Kraft und tiefe Bedeutung dieser Wanderung ist noch heute spürbar. Liz Stimme ist brüchig, die Wangen gerötet, die Tränen fliessen und sie lächelt. Die Erinnerung an die Wanderung erlaubt kurz einen Blick auf eine andere Facette von Liz: Eine mir bisher unbekannte Verletzlichkeit tritt an die Oberfläche.

«Jetzt hast du mich zum Weinen gebracht», wirft Liz mir mit gespielter Entrüstung vor. Ich beginne zu lachen. «Es ist schön gemeinsam happy tears, glückliche Tränen, zu vergiessen.»

Engagement für die Organspende

Als Liz mit ihrer Geschichte fortfährt, ist ihre Stimme wieder ganz klar. Nach der Transplantation wurde es zu ihrer grossen Leidenschaft, sich für das Thema Organspende zu engagieren. Zuerst verschickte Liz als Freiwillige bei Swisstransplant Organspende-Karten, dann half sie bei der Organisation der World Transplant Games mit. Sie selber war im Jahr 2001 an den Spielen in Nendaz Teil des Schweizer Ski Teams: «Ich war so glücklich und nervös zugleich, dass ich direkt das erste Tor verpasste und deshalb für das zweite Rennen disqualifiziert wurde.» Liz lacht lauthals bei dieser Erinnerung.

Die World Transplant Games eröffneten Liz ein ganz neues Universum. Sie lernte sehr viele Transplantierte kennen: Menschen mit unterschiedlichsten Geschichten, Alter und Hintergrund. «Es hat mir gezeigt, dass es alle treffen kann. Ich stand mitten im Leben, Mutter von zwei Kindern und war körperlich extrem fit. Von einem auf den anderen Tag hat sich alles verändert und ich habe ein Spendeorgan gebraucht.»

Heute ist Liz ehrenamtliche Generalsekretärin der World Transplant Games Federation und kandidiert für das Präsidium.

Liz feiert das 25. Jubiläum

Durch Liz Krankheit und die Transplantation hat sich ihre Sicht auf ihr Leben stark verändert. «Ich bin mir meinem Glück sehr bewusst. Ich weiss alles viel mehr zu schätzen und bin jeden Tag dankbar.» Da Liz nicht weiss, wer die Angehörigen ihrer Spenderin, ihres Spenders sind, sagt sie jedes Mal danke, wenn sie auf eine Spendefamilie trifft. Sie ist dennoch sehr froh um die Anonymität zwischen spendender und empfangender Person im Schweizer Organspendesystem. Das ist, laut Liz, auch ein Schutz für alle Seiten.

Der Tag der Transplantation trägt für Liz eine ganz besondere Bedeutung. Jedes Jahr gestaltet sie diesen sehr bewusst. Einmal hat sie einen Rosenbusch gepflanzt, an einer Konferenz über das Thema der Organspende gesprochen, ist mit einer grossen Gruppe von Freunden nach Amsterdam gereist. Zum 20. Jahrestag hat sie eine Fahrradtour um den Genfersee unternommen. «Eigentlich sind es 170 km, aber da ich mich verfahren habe, wurden es schlussendlich mehr als 180 km», erzählt Liz lachend. Und doch scheint an diesem Tag auch immer eine gewisse Schwere da zu sein:

Liz
«Ich rufe mir auch in Erinnerung, dass während ich meine Wiedergeburt feiere, sich für eine andere Familie gerade der Verlust eines lieben Menschen jährt.»

Nächsten Mai feiert Liz das 25. Jubiläum ihrer Transplantation. Im ersten Jahr hat sie der Spendefamilie über Swisstransplant einen anonymen Brief geschickt. Zu diesem Jahrestag möchte sie das wieder tun.

Interview und Redaktion: Paula Steck