10 Fragen an Marina Carobbio Guscetti, Präsidentin Stiftungsrat Swisstransplant

Es gibt zu wenig Spendeorgane, es sterben zu viele Menschen auf der Warteliste. So einfach und klar fasst die Tessiner Ständerätin die heutige Situation in der Schweiz zusammen. Sie ist überzeugt vom geplanten Systemwechsel zur erweiterten Widerspruchslösung* und engagiert sich dafür, dass sich mehr Menschen mit Gedanken über das Lebensende beschäftigen.

Marina Carobbio Guscetti

Als Ärztin und Politikerin schlagen in Marina Carobbio Guscettis Brust gleich zwei Herzen für die Organspende. Doch höchstens eines kann sie spenden. Sie macht sich stark dafür, dass sich möglichst viele Menschen in der Schweiz mit dem Thema auseinandersetzen.

Frau Carobbio, sind Sie eher Ärztin oder Politikerin?
Beides! Schon im Gymnasium hat mich die Kombination zwischen Wissenschaft und humanitärer Tätigkeit, der Arbeit mit Menschen, wie auch das soziale Engagement fasziniert. Ich habe in Basel Medizin studiert und in einer Gemeinschaftspraxis als Hausärztin gearbeitet. Parallel hat die Politik immer mehr Zeit beansprucht. Bereits mein Vater Werner Carobbio war SP-Nationalrat und meine Mutter Graziella hat sich ebenfalls in der Politik und in der Tessiner Frauenbewegung engagiert. Als 25-Jährige trat ich in die Sozialdemokratische Partei ein und noch vor meinem Staatsexamen wurde ich ins Tessiner Kantonsparlament gewählt. Inzwischen konzentriere ich mich auf die Politik.

Wofür kämpfen Sie in der Politik?
Ich setze mich ein für ein Gesundheitswesen, das qualitativ gut, für alle erreichbar und bezahlbar ist. Ich möchte eine Gesellschaft, die alle miteinbezieht. Ich habe zwei Kinder, umso mehr ist die Umwelt natürlich auch ein Thema, wir müssen unserem Planeten eine Zukunft geben.

Warum haben Sie letztes Jahr das Präsidium von Swisstransplant übernommen?
Tatsächlich habe ich gut überlegt, ob dieses Amt nebst meiner Tätigkeit als Ständerätin und weiteren Engagements noch Platz hat. Doch das Thema hat mich überzeugt: Leben retten ist sehr wichtig. Die Organisation hat viele Facetten – zum einen die Betroffenen, zum anderen die medizinische Fachwelt. Bei Swisstransplant kann ich meine politische Erfahrung einbringen.

Haben Sie einen persönlichen Bezug zur Organtransplantation?
Familiär nicht, aber ich habe einige Freunde, die auf ein Organ angewiesen waren, Leber und Niere. Selbst habe ich mich bereits früher mit dem Thema auseinandergesetzt und für die Organspende ausgesprochen. Jede und jeder kan entscheiden, was sie oder er will. Kommt dazu: Wir alle können in die Notsituation geraten, selbst ein Spendeorgan zu benötigen.

Marina Carobbio Guscetti
«Wir alle können in die Notsituation geraten, selbst ein Spendeorgan zu benötigen.»

Wie erklären Sie sich, dass so wenig Menschen ihren Entscheid festhalten?
Einfach ist es nicht. Von Umfragen wissen wir, dass die meisten Leute für die Organspende sind, ihren Entscheid aber nicht kommunizieren oder dokumentieren. Jede und jeder sollte sich mit dem Lebensende oder mit einem plötzlichen Tod auseinandersetzen. Ich bin Mitglied einer neu gebildeten überparteilichen parlamentarischen Gruppe zum Thema «Patientenverfügung und Selbstbestimmung». Gemeinsam wollen wir diskutieren, wie wir die Gesellschaft dazu bringen, sich vermehrt diesen Fragen zu stellen.

Begrüssen Sie die geplante Anpassung des Transplantationsgesetzes?
Eindeutig ja. Die Vergangenheit zeigt: Nur mit Infokampagnen erreichen wir keine genügende Verbesserung. Deshalb muss man jetzt etwas ändern. Ich bin den Initiantinnen und Initianten der Volksinitiative «Organspende fördern – Leben retten» sehr dankbar, dass sie das Thema lanciert haben. In der letzten Herbstsession haben Nationalrat und Ständerat in der Schlussabstimmung den indirekten Gegenvorschlag des Bundesrats mit der erweiterten Widerspruchslösung deutlich angenommen. Die Diskussion im Ständerat, wie auch im Nationalrat, verlief sehr respektvoll, obwohl es unterschiedliche Sichtweisen gibt.

Im Januar ist das Referendum gegen die Gesetzesänderung zustande gekommen. Sind Sie enttäuscht?
Nein, ich bin nicht enttäuscht. Wir haben gute Argumente, um der Bevölkerung zu zeigen, warum es einen Systemwechsel braucht. Ich bin zuversichtlich, dass bei der Volksabstimmung am 15. Mai ein klares Ja zur erweiterten Widerspruchslösung resultiert – wie im Parlament.

Was versprechen Sie sich von der erweiterten Widerspruchslösung?
Ich hoffe wirklich, dass sich mehr Menschen fragen, ob sie ihre Organe spenden wollen oder nicht. Wenn die Frage nach der Organspende auf der Intensivstation plötzlich im Raum steht, entlastet dies die Angehörigen und schafft Sicherheit und Klarheit. Für mich ist klar: Die Medizin ist heute in der Lage, mit einer Organtransplantation Leben zu retten. Und dazu brauchen wir mehr Organe.

Verstehen Sie, wenn jemand nicht spenden will?
Es ist ein sehr persönlicher Entscheid, niemand soll gezwungen werden, Organe zu spenden. Wichtig ist aus meiner Sicht, dass sich jede und jeder mit dem Sterben und dem Tod auseinandersetzt und über die Patientenverfügung als wichtiges Instrument der Selbstbestimmung nachdenkt.

Welches ist das stärkste Argument für ein Ja am 15. Mai?
Wer eine Transplantation benötigt, soll weniger lang auf ein Organ warten müssen.

Marina Carobbio Guscetti
«Ich hoffe wirklich, dass sich mehr Menschen fragen, ob sie ihre Organe spenden wollen oder nicht.»

Marina Carobbio Guscetti

ist seit Januar 2021 ehrenamtliche Präsidentin der Stiftung Swisstransplant. Die gebürtige Tessinerin setzt sich seit Jahren als Ärztin und Politikerin für eine soziale und gerechte Schweiz ein. Während 12 Jahren gehörte sie dem Nationalrat an, den sie 2018/2019 leitete. Seit Dezember 2019 ist sie Tessiner Ständerätin. Die 55-Jährige präsidiert unter anderem ebenfalls die Organisation Palliative.ch und ist Mitglied der Schweizer Delegation im Europarat.

Ihren Mann Marco hat sie beim Wandern kennengelernt, ihrem zweiten Hobby nebst dem Lesen, das sie im Sommer und auch im Winter mit Touren pflegt. Sie verbringt viel Zeit mit der Familie und mit ihren Kindern Matteo (25) und Laura (18).

* Änderung Transplantationsgesetz: erweiterte Widerspruchslösung in Sicht

Wer zu Lebzeiten seinen Willen nicht festgehalten hat, gilt neu als Spenderin oder Spender. Sowohl bei der heute geltenden erweiterten Zustimmungslösung wie auch bei der angestrebten erweiterten Widerspruchslösung können die Angehörigen stellvertretend den Willen der verstorbenen Person äussern, wenn eine schriftliche Dokumentation fehlt.