«Die Organspende liegt mir sehr am Herzen»

Flavia Wasserfallen ist seit Anfang 2024 Präsidentin des Stiftungsrats von Swisstransplant. Die Berner SP-Ständerätin verrät, was ihr wichtig ist und wie sie tickt.

Flavia Wasserfallen engagiert sich für die Organspende – hier am Symposium Swisstransplant.

Frau Wasserfallen, welchen Bezug zur Organspende haben Sie?

In meinem engeren familiären Umfeld gibt es einen persönlichen Bezug zur Organspende. Dadurch erlebe ich hautnah, dass jemand dank einer Organspende weiter- und gut leben kann.

Was hat Sie gereizt, Stiftungsratspräsidentin von Swisstransplant zu werden?

Bei meiner parlamentarischen Arbeit zum neuen Transplantationsgesetz habe ich viele Menschen von Swisstransplant kennen und die Expertise schätzen gelernt. Als die Anfrage kam, habe ich nicht lange gezögert. Die Organspende ist mir sehr wichtig.

Welche Ziele verfolgen Sie konkret?

Swisstransplant hat einen sehr guten Ruf und geniesst das Vertrauen der Bevölkerung. Das gilt es weiter zu tragen. Mit der Umsetzung des neuen Transplantationsgesetzes warten grosse Herausforderungen auf uns. Wir müssen die erweiterte Widerspruchslösung gut einführen, so dass möglichst viele Menschen auf der Warteliste ein Organ erhalten. Wichtige Aufgaben sind auch Innovationen zu begleiten und optimale Bedingungen für das Personal.

Können Sie uns Ihre Organspende-Karte zeigen?

Tatsächlich trage ich sie nicht auf mir, sondern habe sie zuhause im Gestell und in einem elektronischen Patientendossier (EPD) hochgeladen. Auch meine Angehörigen sind informiert. Ich habe auch ein paar Freunde motiviert, ihren Willen auf einer Organspende-Karte festzuhalten.

Die Organspende ist ein Geschenk – welches ist Ihr grösstes Geschenk, das Sie jemals gemacht haben?

Ich spende regelmässig Blut. Und ich versuche, für Freundinnen und Familie da zu sein, bin auch in der Pflege enger Angehöriger involviert. All das versuche ich mit positiver Energie zu machen.

Welches Organ gefällt Ihnen optisch am besten?

Die Lunge – die Form erinnert mich an Engelsflügel.

Mit welchem Organ hatten Sie schon Probleme?

Zum Glück noch mit keinem.

Was entgegnen Sie, wenn man Organspenden und Transplantationen als Kostentreiber im Gesundheitswesen sieht?

Das stimmt nicht und es ist ziemlich einfach nachzuweisen: Die Dialyse bei Nierenkranken ist zum Beispiel mit höheren Kosten verbunden und ausserdem eine schmerzhafte und schwierige Behandlung. Eine Transplantation ist von der Kostenseite her ganz klar günstiger.

Wo würden Sie persönlich unter keinen Umständen sparen wollen?

Lokale, saisonale, hochwertige Nahrungsmittel – da gehe ich keine Kompromisse ein.

Stimmt – Sie sind Gründungsmitglied und Präsidentin eines Bio-Gemüselieferdiensts in der Region Bern. Welches ist Ihr Lieblingsgemüse?

Federkohl – Superfood von September bis Februar.

Flavia Wasserfallen
«Das Ziel ist, mehr Leben zu retten.»

Als Co-Leiterin des Pro-Komitees haben Sie den Abstimmungskampf zum neuen Transplantationsgesetz begleitet. Was bringt der Systemwechsel zur erweiterten Widerspruchslösung?

Sie entlastet die Angehörigen in einer bereits sehr schwierigen Situation: Ein naher Mensch stirbt. Da ist es sehr belastend, wenn man dessen Willen nicht kennt und in seinem Sinn einen Entscheid fällen muss. Es werden sich dank der neuen Regelung hoffentlich mehr Menschen mit dem Thema Organspende beschäftigen. Das Ziel ist, mehr Leben zu retten.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie hören, dass das an die Widerspruchslösung gekoppelte Ja-/Nein-Register erst 2026 kommt?

Warum dauert es so lange?

Was können Sie als neue Stiftungsratspräsidentin tun, damit es schneller geht?

Als Parlamentsmitglied kann ich die Umsetzung des Transplantationsgesetzes immer wieder thematisiere und Druck ausüben. Und auf Seite Swisstransplant ist es wichtig, die Umsetzung fachlich eng zu begleiten.

Zu welcher Politikerin oder zu welchem Politiker schauen Sie auf?

Figuren wie Ruth Dreifuss und Simonetta Sommaruga haben mich als junge Frau politisiert und beeindrucken mich noch heute.

Welchem Parlamentsmitglied würden Sie gerne eine Stadtführung in Bern anbieten?

Bern hat einen guten Ruf, meine Kolleginnen und Kollegen kommen gerne nach Bern und fragen mich oft um Restauranttipps. Mich würde interessieren, wie der neugewählte Zürcher Nationalrat Islam Alijaj die Stadt Bern im Rollstuhl erlebt.

Wann waren Sie das letzte Mal in einem Spital?

Im Notfall mit meinem jüngsten Sohn, «ein kleiner Rüedu», wegen eines Armbruchs.

Oh, ein schöner berndeutscher Ausdruck – haben Sie ein Lieblingswort in Mundart?

Zum Beispiel heute, bring und ling*. Meine drei Kinder schauen mich dann mit grossen Augen an.

Dank Ihrer italienischen Mutter sind Sie perfekt zweisprachig. Wo drückt die Italianità sonst noch durch?

Die Lebensfreude habe ich wohl von meiner Mamma.

Was war für Sie persönlich während der Coronapandemie das Schlimmste?

Dass ich enge Familienmitglieder nicht physisch treffen konnte.

Wo sehen Sie bei der Digitalisierung das grösste Potenzial?

Bei einem funktionierenden EPD. Mich regt es auf, wenn ich Formulare ausfüllen muss und denke, diese Daten müssten doch vorhanden sein. Es gibt viel Koordinationsaufwand, den man verringern und viele Fehler, die man vermeiden könnte. Das EPD muss alle Leistungserbringer einbeziehen und mehr sein als eine Ablage.

Flavia Wasserfallen
«Mich regt es auf, wenn ich Formulare ausfüllen muss und denke, diese Daten müssten doch vorhanden sein.»

Wo stehen wir mit der Umsetzung der Pflegeinitiative?

Mittendrin, die erste Etappe, die Ausbildungsoffensive, ist aufgegleist. Bei der zweiten Etappe, besseren Arbeitsbedingungen, sind die Kantone und Institutionen teilweise schon dran, und der Bundesrat schickt im Frühling einen Entwurf dazu in die Vernehmlassung. Beides braucht Zeit.

Wirkt sich der Pflegenotstand auf die Organspenden und Transplantationen aus?

Sicher auch. Unsere Aufgabe ist es, sehr eng zu beobachten und mitzuwirken, weil ganz viele Fachkräfte beteiligt sind. Wir brauchen genügend Pflegefachkräfte und Ärztinnen und Ärzte, um die Herausforderungen stemmen zu können. Wenn ich an die Rekordzahlen 2023 denke, denke ich auch an die vielen Fachkräfte, die in ihrem Arbeitsalltag betroffen und gefordert waren und sind.

Was haben Sie im Wahlkampf zum Ständerat unterschätzt?

Die Anzahl Anlässe war schon happig – ich durfte dabei neue Ecken des Kantons Bern kennenlernen, wie zum Beispiel im Oberaargau oder im Berner Jura. Das Interesse an meiner Kandidatur war sehr gross, die Leute sind mir mit schöner Offenheit begegnet, auch wenn sie mir politisch nicht nahe­standen. Raus aus meiner Bubble, neue Lebensentwürfe und Wertehaltungen kennenlernen – das möchte ich beibehalten. Wir sollten alle grundsätzlich offener sein und ohne Vorbehalte.

Flavia Wasserfallen
«Wir sollten alle grundsätzlich offener sein und ohne Vorbehalte.»

Sie wurden schon mehrmals als Bundesratskandidatin gehandelt – überlegen Sie es sich wieder?

Ich bin froh, dass ich jetzt nicht darüber nachdenken muss.

Woher nehmen Sie die Energie für Ihre vielen Engagements?

Ich nehme viel Energie auf von meinem positiven Umfeld, von Menschen und Geschichten, die mich anstecken und ich versuche, etwas zurückzugeben. Zwischendurch regenerieren und Kraft tanken in der Natur oder mit Bewegung, ist mir auch wichtig.

Und wo sparen Sie Energie?

Meine Familie lebt ohne Auto, wir fliegen selten, schauen bei der Ernährung und setzen auf effiziente Geräte und einen sparsamen Umgang damit.

Was können Sie richtig gut?

Snowboardfahren – ich war zehn Jahre lang Snowboardlehrerin im Val d’Anniviers im Wallis. Im frischen Pulverschnee rumzukurven, ist etwas vom Schönsten.

Wo scheitern Sie regelmässig?

Mit meiner Ungeduld, wie meine Antwort zum Register zeigt.

Treffsicher und voller Energie: Ständerätin Flavia Wasserfallen setzt sich auf politischem Weg für Lösungen ein, die im Alltag «verhäbe». Bild: Mauro Mellone

Ihre ganze Familie hat den YB-Virus und Sie spielen im FC Helvetia. Wer spielt am besten?

Sagen wir es so: Zusammen mit den Nationalrats­kolleginnen Greta Gysin und Corina Gredig aufs Tor zu stürmen, fägt extrem.

Sind Sie verwandt mit Nationalrat Christian Wasserfallen?

Ich habe zwar zwei jüngere Brüder, aber keiner heisst Christian. Mit ihm gemeinsam habe ich «nur» die Verbundenheit mit Bern und YB.

Was geht Ihnen an die Nieren?

Respektlosigkeit – ich habe nicht gerne respektlose Menschen.

Wo verlieren Sie Ihr Herz?

Bei italienischen Schnulzen etwa von Umberto Tozzi. Bei schönen Schweizer Schmuck- und Kleiderlabeln. Und bei Schokolade, insbesondere Champagnertruffes, kann ich nicht Nein sagen.

Welches ist Ihr Lieblingswasserfall?

Die Cascata del Salto in Maggia.

Wer ist Ihre Lieblingskomikerin oder Ihr Lieblingskomiker?

Mike Müller, Bänz Friedli und Michael Elsener – aber am allerliebsten mag ich das Westschweizer Duo Vincent et Vincent.

Mit welcher berühmten Person würden Sie gerne zu Mittagessen?

Mit Jacinda Ardern, der ehemaligen Premierministerin von Neuseeland.

Was hilft, dass Ihre Kinder nicht ständig am Handy hängen?

Ich bin froh, dass sie leidenschaftlich gerne viel Sport machen. Ich war nicht so angefressen in ihrem Alter.

Wo verbringen Sie dieses Jahr Ihre Ferien?

Voraussichtlich wieder einmal in Marokko, wo mein Schwiegervater herkommt.

 

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Heute = schief halten, zum Beispiel den Teller
Bring = schmächtig/mager, zum Beispiel eine zierliche Statur
Ling = weich/gar gekocht, zum Beispiel Kartoffeln